Umsetzung des Interimsmodells - Aspekte aller Marktrollen

24. März 2017 Prozesse, Digitalisierung Oliver Hoffmann und Holger Strotmann (Natuvion GmbH)


Mit dem Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) und den zugehörigen Festlegungen der BNetzA hat die Bundesregierung in Deutschland die Rahmenbedingungen zur Einführung der intelligenten Messsysteme (iMS) für den Markt geschaffen. Mit dieser Einführung kommen auf Energieversorger in allen Marktrollen große Veränderungen zu. Diese werden in zwei Schritten im Markt umgesetzt. Zunächst wird das „Interimsmodell“ bis 2017 und im Anschluss das „Zielmodell“ bis 2020 umgesetzt.

Für die ersten Schritte im Zuge der Transformation der Messung in der Energiewirtschaft sind die einzelnen Marktrollen im Energiemarkt mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Die Anforderungen aus der Umsetzung des Interimsmodells bis zum 01.10.2017 sind nicht für alle Marktrollen gleich und schlagen hier auch nicht mit der gleichen Komplexität und dem gleichen Umfang auf, jedoch sind alle Marktteilnehmer in der einen oder anderen Form betroffen. In groben Zügen, lassen sich die Anforderungen aus dem Interimsmodell in 3 thematische Bereiche unterteilen.

Festlegung der Rahmenbedingungen über die strategische Ausrichtung

Für einen einzelnen Lieferanten stellt sich wie die letzten Jahre auch, nun aber mit technisch anderen Voraussetzungen im Markt, die Frage, ob es sinnvolle Geschäftsmodelle gibt und der Wunsch oder Druck besteht als wettbewerblicher MSB auf dem Markt aktiv zu werden. Für einen Netzbetreiber gilt es die Frage zu beantworten, ob man das Geschäft als grundzuständiger Messstellenbetreiber (gMSB) besetzen will und wie man mit der Ausstattungspflicht und Preisobergrenze einen kostendeckenden Ansatz realisieren kann. Auch Konzerne und größere Unternehmenskooperationen müssen sich der Herausforderung stellen, die einzelnen Rollen gezielt zu besetzen, um dabei die bestmögliche Konstellation zu wählen, um Prozesskosten zu sparen und Synergiepotenziale in der IT-Infrastruktur zu nutzen. In Verbindung mit dem vertrieblichen Ansatz kann es über die Abstimmung innerhalb assoziierter Unternehmen leichter fallen, auch unter Beachtung der Regularien zum Unbundling, die Pflichten des gMSB kostendeckend zu gestalten.

Umbau der Stammdatenmodelle

Der nächste Änderungsbereich befasst sich mit den Anforderungen an Stammdatenmodelle in den IT-Systemen. Hier wird zum einen gefordert, die Vorgaben zur Verwendung der Marktlokation (MaLo) und Messlokation (MeLo) umzusetzen, also die bisher genutzte Zählpunktbezeichnung an der Messlokation vorzuhalten und für die Entnahmestelle eine neue, zentral vergebene, Identifikationsnummer einzuführen, die Marktlokation. Zum anderen ergeben sich aus den Anforderungen an die Abrechnung von Messstellenentgelten, ob als grundzuständiger oder wettbewerblicher MSB, Auswirkungen auf die Stammdaten, wie neue Geschäftspartner und Versorgungsszenarien. Die großen Herausforderungen bestehen in der Analyse von verwendeten Konstrukten und der Qualität ihrer Pflege (Geräte, Zählwerke, Beziehungen, etc.), um hierfür stringente Umbauregeln festzulegen und in der Organisation der Umstellung, um einen reibungslosen Ablauf des Tagesgeschäfts und die nahtlose Wiederaufnahme der Prozesse zu gewährleisten.

Anpassung regulierter und interner Prozesse

Im regulatorischen Rahmen zur Abwicklung der Prozesse im Energiemarkt werden für den Rollout und die anschließende Marktkommunikation zu Anlagen mit intelligenten Messsystemen neue Prozesse eingeführt (z.B.: Ersteinbau und Vorabinformation), sowie bestehende Prozesse aus GPKE, GeLi Gas, WiM und MPES entsprechend angepasst. Beispielhaft entfällt hier die Rolle des MDL, es werden Fristen angepasst und es entfällt auch in vielen Fällen die Unterscheidung zwischen der Ein- und Ausspeisung. Hierzu werden einige Entwicklungen in der IT und Anpassungen in der Organisation notwendig sein. Die zugehörigen Formate befinden sich momentan in der Konsultation. Bei den innerbetrieblichen Prozessen ergeben sich die Anforderungen aus den neuen Möglichkeiten durch die Umsetzung des Interimsmodells und den neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Hier ist zum einen hervorzuheben, dass der Messstellenbetrieb nun auch in der Grundzuständigkeit ein Endkundengeschäft wird und eigene Anforderungen an Kundenservice und Abrechnung stellt. Zum anderen müssen sich Unternehmen die Frage stellen, welche Funktionen sie zukünftig am Markt anbieten wollen und sich frühzeitig prozessual und organisatorisch darauf einstellen. Gerade für die jeweiligen Netzbetreiber, die als grundzuständiger MSB auftreten, muss das Thema Rollout im Hinblick auf Planung und Management frühzeitig betrachtet werden.

Auswirkungen

Die Komplexität der oben beschriebenen Anforderungen bedingt eine ganzheitliche Herangehensweise für alle Unternehmen, die bereits eine oder mehrere Rollen auf dem Markt besetzen. Seit der Marktrollentrennung wird durch die Digitalisierung erneut ein neues Umfeld auf dem Energiemarkt und den zugehörigen Dienstleistungsmodellen geschaffen, das Chancen und Risiken gleichermaßen beinhaltet. Die anstehenden Veränderungen in der Strategie, der Organisation, den Prozessen und der IT können nur sinnvoll gemeistert werden, wenn die Umsetzung mit und auf alle diese Betrachtungsebenen abgestimmt ist. Es entstehen neuer Wettbewerb in alten wie in neuen Geschäftsmodellen, neue Zielgruppen für Produkte (MSB), Mehrwertdienstleistungen können realisiert werden und die noch kommenden Veränderungen werden immer schneller vonstattengehen. Die Organisation und die Prozesse müssen sich auf ganz neue Aufgabenfelder einstellen (z.B. Kundenservice MSB), an einigen Stellen wird es sinnvoll sein, neue Partnerschaften einzugehen (z.B. Outsourcing und DL) und all diese Veränderungen müssen IT-technisch so unterstützt werden, dass ein reibungsloser Ablauf gewährleistet ist. Die angesprochenen Punkte sind nur Auszüge aus den kommenden Anforderungen, aber sie verdeutlichen, wie groß die Veränderung ist und wie stark die Abhängigkeiten sind.

Erfahrungen aus den ersten Umsetzungsprojekten

Process Consulting ist bereits bei einigen Kunden im Umfeld der Umsetzung des MsbG und den Anforderungen aus der Digitalisierung aktiv. Die ersten Erfahrungen zeigen sehr deutlich, dass eine getrennte Betrachtung einzelner Themenfelder in diesem Umfeld nicht zielführend ist. Es bedarf einer ganzheitlichen Strategie - gerade in der Kombination aus IT und Organisation.

Wie bereits im Artikel diskutiert, ist die Unternehmensstrategie der Ausgangspunkt für alle weiteren Aktivitäten zur Umsetzung der Anforderungen und zur Positionierung am Markt. Die dazu notwendigen Veränderungen sind jedoch in ihrer tieferen Betrachtung so komplex, dass sie nur stringent angegangen werden können, wenn die Organisation/Prozesse und die zugehörige IT gemeinsam konzeptionieren und umsetzen. In vielen vorherigen Projekten waren die Organisation, oder vor allem in der Energiewirtschaft die Prozesse der Treiber von Veränderung. In der Umsetzung des Interimsmodells sind es zwar auch Prozesse, die sich ändern, aber der Treiber ist die IT. Ausgehend von den Möglichkeiten die sich durch die vielen Daten und bessere Interaktion mit Kunden und der zugehörigen Automatisierung ergeben, muss die IT die Möglichkeiten aufzeigen und die Organisation sich auf die neuen Gegebenheiten anpassen.

Es ist also, mehr als zuvor, erforderlich, dass ein abgestimmtes Vorgehen und eine gemeinsame Konzeption erfolgt. So lassen sich die Potentiale am besten heben.

Process Consulting hat langjährige Erfahrungen in den Prozessen der Energiewirtschaft und dem Organisationsaufbau von Versorgern. Gemeinsam mit unserem Partner, der Natuvion GmbH - die eine exzellente langjährige Erfahrung im SAP IS-U Umfeld und den innovativen Treibern der IT der Energiewirtschaft mitbringt- können wir Ihnen eine Beratungsleistung anbieten, die nicht nur die einzelnen Felder bestens besetzt, sondern auch die Integration zwischen IT und Organisation gewährleisten kann.