Umsetzung des Interimsmodells 2 – Herausforderungen des MSB (Auswahl)

19. Dezember 2017 Digitalisierung, Prozesse, Blog Oliver Hoffmann


Über die letzten Monate haben sich die Energieversorgungsunternehmen mit den Herausforderungen der Umsetzung des Interimsmodells vertraut gemacht. Die ersten Prozesse zur Anfrage und Vergabe der Marktlokationen sind angelaufen und bis zum 31.01.2018 sollen alle Nummern im Markt verteilt sein.

Neben den Vorgaben aus neuen Prozessen und einem damit einhergehenden Stammdatenumbau sind weitere Umbrüche auf dem Energiemarkt zu erwarten. Die ersten neuen MSB, sowohl grundzuständige als auch wettbewerbliche, beginnen mit dem Einbau moderner Messeinrichtungen (mME) in Kundenanlagen. Die zertifizierten Gateways sind bisher noch nicht am Markt verfügbar, aber die Liste der Anbieter, die sich um ein Zertifikat bemühen nimmt weiter zu: Übersicht. Zum Zeitpunkt, wann diese Geräte am Markt verfügbar sein werden gibt es sehr unterschiedliche Aussagen im Markt. Im Moment sieht es so aus, als könnte man irgendwann in Q1 oder Q2 2018 damit rechnen.

Zur Ausgestaltung des Betriebes der SMGW sind auf dem Energiemarkt neue Marktrollen entstanden. Hier sind zum einen die Messstellenbetreiber zu nennen. Diese sind entweder aus ihrer Funktion als Grundzuständiger oder als Wettbewerber auf dem Markt aktiv. Daneben gibt es die Rolle des Gatewayadministrators (GWA), der die Kommunikation mit den Gateways steuert und für deren Funktion als auch deren Konformität an Sicherheitsanforderungen und Datenverteilung verantwortlich ist. Zur Wahrnehmung dieser neuen Rolle sind einige Wettbewerber zu finden die verschiedene Lösungen vom Einkauf bis zum Betrieb der Gateways und zugehöriger Zähler anbieten.

Heutige und zukünftige MSBs stehen also zunächst einmal vor einer „Make or Buy“-Entscheidung in Bezug auf die einzelnen Teilprozesse der Wertschöpfungskette. Je nach Ausprägung der Lösung müssen sich dennoch alle Beteiligten mit den verschiedenen Herausforderungen des Tagesgeschäftes zum Einbau und Betrieb der neuen Messsysteme auseinandersetzen.

Im Groben sind die zugehörigen Prozesse über Arbeitsgruppen des FNN (Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE) definiert worden. Diese Prozesse setzen aber auf einer sehr hohen Ebene an und stoßen bei vielen Fragen der konkreten Umsetzung schnell an Grenzen oder lassen einen hohen Interpretationsspielraum zu.

Für unseren zweiten Teil zur Umsetzung des Interimsmodells wollen wir uns einige dieser Herausforderungen einmal genauer ansehen und verschiedene Lösungswege beschreiben.

Umgang mit der Parametrierungslücke

Im operativen Geschäft müssen die MSB sich überlegen, wie sie im Inbetriebnahme-Prozess beim Einbau intelligenter Messsysteme (iMS) die jeweiligen Einbau- und Ausbauzählerstände in den Systemen abbilden können. Der Einbau eines Smart Meters an sich stellt kein großes Problem da, wenn man mal davon absieht, dass nicht alle Zählerplätz für den Einbau geeignet sind. Jedoch muss sich das eingebaute Gateway erst beim Gatewayadministrator melden und die Parametrierung abgeschlossen werden. Dabei werden auch die Zertifikate ausgetauscht und die notwendigen Profile aufgespielt. Dies allein erfordert schon, je nach Kommunikationsverbindung, einige Zeit und hinzu kommt noch ein weiterer Umstand. Bei einigen Versorgern sind die Monteure, welche den Einbau vor Ort vornehmen, mit ihren MDE (Mobile Datenerfassung) oder anderen Geräten nicht immer direkt mit dem Backend verbunden. Es gibt also keine Live-Anbindung an das System. Dies führt dazu, dass die Informationen zum Einbau immer mit einem gewissen Verzug an den GWA aus dem Backend gemeldet werden. Somit entsteht ein Zeitintervall, in dem der Stromverbrauch nicht erfasst wird. Bei kleineren Haushaltskunden ist das vielleicht keine große Differenz und wäre vielleicht vernachlässigbar. Bei größeren Anlagen sind hier jedoch schon größere Mengen im Spiel. Es empfiehlt sich also in diesen Fällen die Prozesse so zu gestalten, dass der von Monteur bei Einbau erfasste Stand ebenfalls übermittelt wird und die Lücke zum ersten Zählerstand aus dem Gateway im Rahmen der Bildungsvorschriften für Ersatzwerte aufgefüllt wird.

Zertifikatsgültigkeiten und Logistik (Lagerhaltung/Bestellung)

Die Bestellprozesse für Gateways werden einigen signifikanten Änderungen unterworfen. Neben dem Umgang mit dem elektronischen Bestell- und Lieferschein werden bei der Bestellung die initialen Konfigurationsdateien des Gatewayadministrators an den Hersteller übertragen und dieser spielt diese vor der Auslieferung auf die Gateways auf. Diese initiale Konfiguration ermöglicht es, dass das Gateway den zugehörigen GWA kennt und über Zertifikate eine gegenseitige Identifikation sichergestellt werden kann. Die Herausforderung die sich hieraus ergibt liegt im Gültigkeitszeitraum solcher Zertifikate. Diese Beträgt in der Regel 2 Jahre. Gesetzt dem Fall, dass der GWA diese auch immer nur in diesem Zeitraum erneuert kann es vorkommen, dass bei einer Bestellung kurz vor Ende des Zeitraums nicht mehr alle gelieferten Geräte bis zum Ablauf des Zertifikats verbaut werden können. Also müssen Versorger in dieser Situation ihre Bestellungen und Lagerbestände so genau kennen und planen, dass hier keine Geräte übrig bleiben und es wird auch schwierig genau für die Übergangszeit zum Zertifikatswechsel Bestellungen auszugeben, da das „alte“ Zertifikat bald ausläuft, das „neue“ Zertifikat jedoch noch nicht ausgegeben ist. Es empfiehlt sich hier eher mit dem GWA Lösungen zu suchen, so dass dieser überlappende Zertifikate ausgeben kann und diese immer zu den jeweiligen Bestellungen passen. Hierdurch wird der MSB jedoch nicht aus der Pflicht genommen seinen Geräten im Lager eine Zertifikatsgültigkeit zuzuordnen und diese auch zu überwachen. Wenn ein Gerät vergessen wird und es nicht zum Einbau innerhalb der Frist kommt, bleibt nur die Möglichkeit dieses wieder an den Hersteller zurückzusenden. Hierdurch geht die getätigte Investition verloren, bzw. es entstehen zumindest Zusatzkosten, um die Geräte erneut mit gültigen Zertifikaten auszustatten, wenn der Hersteller hierzu überhaupt in der Lage ist. Die Gateways werden nach der initialen Konfiguration für den Zugriff von außen gesperrt.

Sperren/Entsperren

Mit dem Einbau von modernen Messeinrichtungen und intelligenten Messsystemen geht der grundzuständige MSB vertragliche Verpflichtungen mit dem Anschlussnutzer ein. Zu diesen Verpflichtungen gehören u.a. die Visualisierung der Daten bei iMS oder die Einsicht auf die Messwerte der letzten 2 Jahre bei mME. Bei einer Sperrung, bei der die Geräte ihre Spannung verlieren würden, wären diese Verpflichtungen nicht mehr zu gewährleisten. Hinzukommen Pflichten des GWA, welche dieser im Rahmen der Administration von Gateways beachten muss. Hier ist zunächst eine juristische Bewertung notwendig, inwieweit der Netzbetreiber im Rahmen seiner Rechte beim Sperren von Anlagen auch die Spannungsversorgung der Messsysteme unterbrechen darf. Die gleiche Frage gilt natürlich auch für den g/w MSB auf der Messlokation, der die Sperrprozesse im Auftrag des VNB durchführt. Je nach Ausgang der Bewertung gilt es, sich technische Lösungen zu überlegen, die sowohl die Spannungsversorgung des Gateways und Zählers sicherstellen und darüber hinaus keinen Eingriff in die Kundenanlage darstellen. Eine Sperrung, bei der die Spannungsversorgung gewährleistet bleibt hat darüber hinaus auch noch weitere Vorteile. Eine ungewollte Entsperrung oder Überbrückung der Sperre würde direkt bei den jeweiligen MSB auffallen, da evtl. neue verbrauchte Mengen vom Gateway übermittelt werden. Das würde Kosten im Rahmen der Überprüfung gesperrter Anlagen sparen. Hierzu kann sogar für diesen Zeitraum ein TAF aufgespielt werden, der jeden Tag den aktuellen Stand übermittelt (TAF 7) oder bei Bedarf der Stand abgefragt werden (TAF 6).

Dies ist nur eine kleine Auswahl der Herausforderungen die sich aus den neuen Anforderungen ergeben. Für die Umsetzung der operativen Prozesse im Umgang mit intelligenten Messsystemen gibt es bisher nur wenige Erfahrungswerte und die Vorlagen aus den Verbänden sind eher generisch gehalten. Für jeden MSB ist es somit notwendig, sich im Vorfeld mir der Materie zu befassen und im Rahmen von Tests die besten Lösungswege innerhalb der eigenen Struktur und IT-Architektur zu finden.

In einem weiteren Teil zum Interimsmodell werden wir uns weiter mit den Themen des operativen Geschäfts beschäftigen.