Start des Rollouts intelligenter Messsysteme im Strommarkt

Das erste Zertifikat auf Basis des Schutzprofils für das Smart Meter Gateway ein wichtiger Meilenstein!

15. April 2019 Blog, Prozesse, Produkte, Vertrieb & Kunde Oliver Hoffmann


Am 12.12.2018 hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) das erste Zertifikat auf Basis des Schutzprofils für das Smart Meter Gateway erteilt. Dies ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum flächendeckenden Rollout der intelligenten Messsysteme (iMS). Dieser beginnt offiziell, wenn insgesamt drei unterschiedlichen Herstellern diese Zertifikate erteilt worden sind. Auf diversen Veranstaltungen wurde bereits kommuniziert, dass man von einem Start des Rollouts zum Beginn des Jahres 2019 ausgehen kann. Es geht also los. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels (02/19) war die Markterklärung bisher noch nicht erfolgt.

Intelligente Messsysteme und die Umbrüche, welche durch den verpflichtenden Rollout im Energiemarkt verfolgt werden sind jedoch nicht nur für Versorgungsunternehmen interessant. Sie stellen einen weiteren technischen Zugang zur Infrastruktur innerhalb der Wohnungen und Häuser dar und können, eingebettet in entsprechende Geschäftsmodelle, für die Erhebung von Daten, die Steuerung von Geräten oder die Integration in Smart Home Lösungen genutzt werden.

Moderne Messeinrichtungen bereits produktiv

Für den Rollout der neuen Gerätetechnik, der im Messstellenbetriebsgesetzes (MsbG) seine rechtliche Grundlage hat, werden je nach Verbrauch oder Einspeiseleistung unterschiedliche Messeinrichtungen verbaut. Der Rollout der modernen Messeinrichtungen (mME) hat bereits begonnen und nähert sich seinem ersten Meilenstein für die Ausstattung von 10% der Entnahmestellen im Juni 2020. Hier haben die meisten grundzuständigen Messstellenbetreiber bereits eine Vielzahl mME im Netz verbaut und in ihren Systemen produktiv genommen. Diese erste Umsetzung hat bereits viele Neuerungen in den Prozessen zur Folge gehabt. Es gibt Auswirkungen auf die Montage, wenn bestimmte Fristen aus den Marktprozessen strenger zu berücksichtigen sind oder sich die Messstellenbetreiber Gedanken über die Optimierung ihres Rollouts machen. Daneben ändern sich die Vertragsbeziehungen im Messstellenbetrieb und es werden zum Teil bereits Rechnungen an Endkunden gestellt oder es müssen neue Prozesse zur Abrechnung der Messentgelte über den Lieferanten durchgeführt werden.

Die Ausprägung der neuen Rolle als grundzuständiger Messstellenbetreiber (gMSB) stellt somit die klassischen Unternehmensabläufe vor Herausforderungen und schafft durch die Anforderungen an eine buchhalterische Trennung und die Entkopplung vom Netzgeschäft neue Risiken, aber auch neue Chancen. Die betroffenen Unternehmen konnten hiermit bereits Erfahrungen sammeln und ihre Systeme und Abläufe besser auf die neuen Situationen vorbereiten.

Ein Faktor ist gerade in der Ausprägung der Rolle des gMSB, besonders zu beachten. Alle Prozesse und zugehörigen Abläufe müssen stringent auf die dadurch entstehenden Kosten geprüft und entsprechend gestaltet werden. Dies kommt aus den Vorgaben der Preisobergrenze des MsbG. Aus diesen Anforderungen an die Einnahmeseite entsteht ein starker Druck auf die Messstellenbetreiber, ihre bisherigen Prozesse im Messstellenbetrieb noch einmal genau zu überprüfen. Zum Teil betreiben Netzbetreiber heute in ihren Prozessen große Anstrengungen, um bestimmte Geschäftsvorfälle vollumfänglich abzubilden und auftretende Herausforderungen zu lösen. Beispielhaft sind hier die Anzahl an Ableseversuchen, die Schlüsselverwaltung, Störungsbehebung oder die Unterstützung von eingesetzten Dienstleistern in der Montage zu nennen. Diese „alten“ Prozesse müssen nochmals kritisch hinterfragt werden, um Kostentreiber zu finden und zu eliminieren. Dies ist enorm wichtig, um innerhalb der jetzt schon kaum zu realisierenden Business Cases weiterhin Marge für den MSB zu generieren. Wenn hier die Herausforderung bei mME schon hoch sind, wird die Realisierung dieses Anspruches bei den weitaus komplexeren Prozessen bei iMS nicht gerade einfacher.

Weitere Herausforderungen durch intelligente Messsysteme

Wenn nun in diesem Jahr der Rollout für intelligente Messsysteme (iMS) hinzukommt, können die bestehenden Prozesse zu einem großen Teil genutzt werden, es kommen jedoch neue Anforderungen hinzu. Der Einbau eines iMS ist allein schon in der Montage anders zu bearbeiten, da hierbei die Kommunikationsverbindungen aufgebaut werden, wofür relevante Stammdaten sehr schnell in den Systemen ausgetauscht werden müssen und auch die genutzten Technologien müssen auf die vorgefundene Einbausituation vor Ort angepasst werden. Des Weiteren kommt nun zum ersten Mal die neue Rolle des Gatewayadministrators (GWA) produktiv zum Einsatz. Alle neu ausgestalteten Prozesse von der Inbetriebnahme über die Wechselprozesse, Ablesung und Visualisierung vor Ort, werden nun das erste außerhalb der bestehenden Testumgebungen mit den zertifizierten Gateways in der Fläche ausgerollt. 

Das Zusammenspiel aus MSB und GWA ist bisher in den meisten Energieunternehmen ein eher „theoretisches“ Konstrukt. Dies ist allein dem Umstand geschuldet, dass bisher ein produktiver Einbau von iMS durch die fehlende Zertifizierung nicht möglich war. In einigen Pilotprojekten und Feldtests sind die notwendigen Funktionen und Prozesse sicherlich schon getestet worden, jedoch ist das Arbeiten in produktiven Umgebungen und entsprechenden Mengengerüsten immer wieder eine eigene Herausforderung. 

Strategische Fragestellungen eines wettbewerblichen Messstellenbetreibers

Neben der Grundzuständigkeit, den hauptsächlich die zuständigen Netzbetreiber übernehmen, ist auch der wettbewerbliche Bereich im Messstellenbetrieb immer stärker in den Fokus gerückt. Bisher setzen die am Markt agierenden wettbewerblichen Messstellenbetreiber (wMSB) auf andere technologische Lösungen als den Einbau eines iMS. Hier sind hauptsächlich elektronische Zähler oder mME im Einsatz die mit eigenen Kommunikationseinrichtungen ausgestattet sind, welche sich meistens der bestehenden Internetinfrastruktur des Kunden bedienen, um Daten zu übertragen. Dies bietet in viele Fällen noch enorme Vorteile. Es gibt am Markt technologische Lösungen, welche im Moment noch eine viel höhere Auslösung der Messwerte und somit auch eine bessere Visualisierung ermöglichen. Von Kunden werden diese Lösungen auch schon recht gut angenommen. Jedoch gibt es hier noch weitere Überlegungen, welche wMSBs in ihre Überlegungen einbeziehen sollten, wenn sie nun mit der Zertifizierung der iMS ihre Geschäftsmodelle betrachten.

Als erstes sollten sich wettbewerbliche MSB ihre Kundenstruktur ansehen und auch ihre Zielgruppen überprüfen. Mit der Zertifizierung beginnt die Einbauverpflichtung der grundzuständigen MSBs. Sollten bei Kunden innerhalb der hohen Verbrauchsgruppen oder Einspeisern mit entsprechender Leistung keine iMS eingebaut sein, wird der gMSB im Laufe der Einbauzeitraums irgendwann beginnen dort die entsprechende Technik einbauen zu wollen. Man muss sich also die Frage stellen, über welchen Zeitraum sich die eingebauten Geräte amortisieren und die Business Cases sich rechnen. Sollte dieser Zeitraum kleiner sein, als der potentielle Einbau eines iMS, dann besteht hier ein hohes Risiko, dass ein erzwungener früher Ausbau der bisherigen Messtechnik die Margen signifikant verkleinert. Daneben sollte man sich in seinen Kundensegmenten die Bedeutung von Datenschutzthemen und die Sicherheit der eigenen genutzten Technik genau anschauen. Das Thema Datenschutz rückt immer weiter in den Vordergrund und mit der weiteren Verbreitung von iMS werden auch im öffentlichen Diskurs die Vor- und Nachteile bestimmter Lösungen diskutiert werden. Dem Gegenüber stehen natürlich die Kosten, welche mit einem Aufbau der benötigten Infrastruktur zum Betrieb von iMS verbunden sind. Die beschriebenen Abwägungen sind für wMSBs natürlich stark strategischer Natur und sollten auch immer in diesem Zusammenhang diskutiert werden. Momentan gibt es schon einige Anbieter, welche eine Infrastruktur für den Betrieb von iMS zur Verfügung stellen und somit das Kostenrisiko durch die Nutzung eines Dienstleisters für Lieferanten, welche MSB-Produkte anbieten wollen, besser kalkulierbar wird und das Kostenrisiko minimiert.

In vielen verschiedenen Projekten haben sich die Kollegen von Process Consulting bereits mit den Fragen rund um den Rollout, der Infrastruktur, der strategische Ausrichtung eines wMSB und dem Zusammenspiel zwischen MSB und GWA auseinandergesetzt. Wir entwickeln mit unseren Kunden Prozesse und Strukturen unter den fortlaufenden Weiterentwicklungen der Marktstruktur und technologischen Möglichkeiten. Der Wandel, der sich mehr und mehr in der Energiewirtschaft vollzieht, ist zu gleichen Teilen technologie- und regulationsgetrieben. Als Partner auf Augenhöhe stehen wir Ihnen für die Ausgestaltung der Position im Markt gerne zur Seite.