Segeln auf Sicht

Das Akronym VUCA schmückt unzählige Schlagzeilen - nicht grundlos.

26. November 2018 Blog, Digitalisierung, Top, Neue Organisation Carla Aigner


Wir befinden uns in einer Welt, geprägt von Volatilität (Volatility), Ungewissheit (Uncertainity), Komplexität (Complexity) und Mehrdeutigkeit (Ambiguity), der sogenannten VUCA Welt. Das Akronym schmückt unzählige Schlagzeilen und so manch einer kann es schon gar nicht mehr lesen. Doch umgeben von rasanten Veränderungen, ist der Begriff seit geraumer Zeit nicht grundlos in aller Munde.

Das Akronym VUCA beschreibt die immer komplexer werdenden Rahmenbedingungen der heutigen (Geschäfts-)Welt, die sich schnell und unvorhersehbar verändern können. Märkte werden zunehmend volatiler, was eine langfristige zielorientierte Steuerung und Planung erschwert.

Megatrends, wie Globalisierung oder Digitalisierung, disruptive Ideen und Geschäftsmodelle, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wären, verdeutlichen, dass wir uns in Zeiten des Umbruchs befinden.

Oder konnten Sie sich vor wenigen Jahren eine Personenbeförderung ohne eigene Fahrzeuge (Uber), eine Unterkunftsbuchung bei einem Reisekonzern, der keine Hotels oder Ferienhäuser besitzt (airbnb), oder ein Handelsunternehmen ohne Lagerräume (Alibaba) vorstellen?

Um einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil halten bzw. aufbauen zu können, wird Organisationen eine enorme themen- und geschwindigkeitsbezogene Anpassungsfähigkeit abverlangt.

 In diesem Kontext müssen vor allem auch strategische Planungen flexibler werden, um auf
die Veränderungsgeschwindigkeit adäquat reagieren zu können. Auf Grund immer kürzer
werdender Strategiezyklen beschreiben Wissenschaftler wie Moshe Farjoun, Professor
für Strategie und Organisation an der School of Business der York University, oder
Gary Hamel, der als einer der einflussreichsten Managementdenker gilt, das klassische
Strategieverständnis, insbesondere die Planungskomponenten, als überholt.

Passend zu unserer Process-Tour und unserer Affinität zum Segeln vergleicht der Autor Olaf Hinz in seinem Buch „Segeln auf Sicht“ die VUCA-Welt mit dem Wetter, einfach da und nicht beeinflussbar.

Die Metapher „Segeln auf Sicht“ prägte Professor Peter Kruse als angebrachte Reaktion auf die steigende Veränderungsgeschwindigkeit und den wechselnden Winden der heutigen Geschäftswelt. Paradigmen für Führung und Management haben sich geändert. Erfolgreiche Autoren, wie Stephen Denning, der unter anderem für eines der erfolgreichsten Wirtschaftsmagazine weltweit schreibt (Forbes.com), veröffentlichen unzählige Artikel, die beschreiben, dass herkömmliche Führungsmethoden zunehmend an ihre Grenzen stoßen.

Strategische Pläne, in denen jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird und eine Analyse nach der anderen in Auftrag gegeben wird, sind durch die zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit schneller obsolet als vollendet. Analog der Devise des agilen Strategieprozesses, lieber 80 Prozent heute, als 100 Prozent irgendwann, ist es oftmals von Vorteil, lieber schnell und unvollständig zu handeln, als zu spät. In sprunghaften unübersichtlichen Märkten, gekennzeichnet, durch immer kürzer werdende Produktzyklen und einer unüberschaubaren Menge an Big-Data, ist es, wie Olaf Hinz in seinem Buch passend beschreibt, besser kurze Strecken mit reichlich hoher Dynamik zu sprinten, anstatt für lange Reisen Unmengen an Gepäck mit sich zu nehmen.

Für einen professionellen Umgang mit der VUCA Welt empfiehlt der Autor die drei I-Regeln zu beherzigen, um Führungskräfte in unsicheren und stürmischen Zeiten, sozusagen, das Segeln zu erleichtern:

Inkrementell, da Pläne bereits veraltet sind, bevor sie in Kraft treten. Oder um in der Metaphern zu bleiben, kleine aufeinander aufbauende Schritte, um auch bei unvorhersehbaren Wetterbedingungen den Zielhafen zu erreichen.

Interaktiv, gemäß dem Motto „gemeinsam sind wir stärker“ und weil einsame Heroen mit ihrem Latein im VUCA-Wetter am Ende sind, so wie auch das Segelboot nur mit mehreren Händen zu steuern ist.

Iterativ, da keine komplexe Situation in einem Zug gemeistert werden kann, so wie auch das Wenden eines Segels nur durch mehrere aufeinander aufbauende Handlungen möglich ist.

Die drei I-Regeln finden sich auch in unserem agilen Strategieprozess wider. Die Strategie wird in kleine Schritte zerlegt und kollektiv Stück für Stück umgesetzt. Diese Herangehensweise ermöglicht, eine schnelle Reaktion auf unvorhersehbare Wetterumschwünge ohne, dass das Segelboot vom Weg abkommt, oder gar kentert.

Akronym VUCA entstammt Mitte der 1990er dem Jargon des amerikanischen Militärs, um die flüchtigere, unsichere, komplexe und zweideutige multilaterale Welt zu beschreiben, die aus dem Ende des Kalten Krieges resultierte. Es beschreibt die Bedingungen des modernen Krieges. Die Bedingungen lassen sich nicht mehr mit den klaren Frontlinien vergangener Schlachten vergleichen, in denen zwei große Heere aufeinandertrafen. (Stiehm, J., Hicks J., Townsend, N. 2002 & Whiteman, W. E. 1998)

Unter Megatrends werden die Trends bezeichnet, die einen großen epochalen Charakter haben und die mindestens 30 Jahre andauern. Sie beeinflussen nicht nur einzelne Segment oder Bereiche des sozialen Lebens und der Wirtschaft, sondern die ganze Gesellschaft. (Horx, M. 2011) Ein Megatrend ist zum Beispiel der Wandel der heutigen Gesellschaft von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Bezeichnet als Megatrend „New Work“ hebt er den Arbeitsbegriff auf ein ganz neues Level.

References:

Denning, S. 2013. Why Agile can be a game changer for managing continuous innovation in many industries. Strategy & Leadership, 41(2): 5–11.

Farjoun, M. 2007. The end of strategy? In: Strategic Organization. Vol. 5(3), 2007, 197-210.

Hamel, Gary. 2001. Leading the revolution: an interview with Gary Hamel. In: Strategy & Leadership, Vol. 29 No. 1, 2001, 4-10.

Hinz, O. 2017. Segeln auf Sicht: Das Führungshandbuch für ungewisse Zeiten. Wiesbaden: Springer Gabler.